Bundle: Creative Coding – Algorithmisches Denken als Teil eines gestalterischen Prozesses

Digitalität wird in Bildungszusammenhängen aktuell vor allem als Übergang von analogen zu digitalen Prozessen verstanden. Dies zeigt sich etwa in der Strategie „Bring your own device“ (BYOD). Während die Nutzung digitaler Lernplattformen und Software oft zu einer Monopolisierung führt, sucht das Projekt „Creative Coding – Algorithmisches Denken als Teil eines gestalterischen Prozesses“ nach kritischen Zugängen im Rahmen dieser Tendenzen. In einer Kooperation zwischen dem Studiengang Art Education der Zürcher Hochschule der Künste und drei Zürcher Gymnasien erarbeiteten Studierende mittels der Open-Source-Plattform „p5js.org“ Unterrichtsmaterialien, mit dem Ziel einen künstlerischen und ermächtigenden Zugang zur Digitalität zu eröffnen.

Die in diesem Bundle vorgestellten Unterrichtsprojekte widmen sich der generativen Bildgestaltung und resultieren aus einem Kooperationsprojekt zwischen Zürcher Gymnasien und dem Bachelor Art Education (BAE) an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Dabei wurde die Programmier-Plattform p5js.org verwendet, entwickelt von der Processing Foundation. Die P5js-Community ist eine Gemeinschaft, die größten Wert auf Inklusion legt: Sie ermöglicht und fördert Zugang mit dem Ziel eines Empowerments. Das Recht auf Bildung impliziert für das Feld der Software Zugänglichkeit, unabhängig von Geschlechtsidentität, sozialer Herkunft, Ethnizität und Alter (siehe auch p5js.org/community).

Während bildungspolitische Verständnisse von Digitalität meist lediglich von einer Änderung von herkömmlichen, analogen Vermittlungsmethoden hin zu digitalen Lernumgebungen ausgehen, das Praxismodul mit dem Begriff der Post-Digitalität (Dufva 2021) einen kritischeren Ansatz. Dieser kann auch als Einspruch gegen ein rein kompetenzorientiertes Verständnis von Digitalisierung verstanden werden. Das „post“ im Begriff der Post-Digitalität meint dabei nicht ein „nach“, im Sinne eines überwundenen Prozesses, sondern beschreibt einen gegenwärtigen Zustand, in dem das Digitale bereits alles durchdrungen hat und jegliches Tun mit prägt. Unter diesem Blickwinkel wird sowohl die Idee einer strikten Trennung als auch die eines kontinuierlichen Übergangs von analogen und hin zu digitalen Sphären obsolet. Anstelle dessen rücken Fragen nach den Bedingungen, unter denen Digitalität in globalen, aber auch in alltäglichen und lokalen Zusammenhängen stattfindet, ins Zentrum[1].

Während im schulischen Kontext das Programmieren meist als Teilgebiet der Informatik wahrgenommen wird und einem eher funktionalen Verständnis folgt, steht Creative Coding für „an alternative approach to coding, focusing on the expressive sides of code instead of the functional […] a way of thinking, as a humanist activity, not a technical skill“ (Dufva 2021:270). Zentral ist das Unvorhersehbare, das Experiment und der gestalterische Prozess. Dabei ist der Weg von der Bildidee zu deren modelhaften Abstraktion, das Schreiben der Algorithmen und die oft unvorhersehbaren Bilder, die die Software generiert, implizieren nicht nur den steten Wechsel zwischen analytischen und intuitiven Handlungs- und Denkweisen, sondern auch einen medialen Wechsel zwischen Sprache (Code) und dem Bild.

Mit dem Anspruch, gemeinsam mit Studierenden praxisnah Unterrichtsmaterialien für den Kunstunterricht zu entwickeln, reagiert das Kooperationsprojekt einerseits auf allgemeine Tendenzen in der Schulentwicklung und nimmt andererseits Bezug auf die aktuelle, lokale Situation. Nicht bloss wird im Schuljahr 2023/24 an den Zürcher Mittelschulen neu das Fach Informatik eingeführt, sondern auch die Entwürfe im Rahmen des gesamtschweizerischen Projektes „Weiterentwicklung der gymnasialen Maturität“ (WEGM) halten fest: „Aus einer postdigitalen Perspektive ist es entscheidend, nicht nur die Möglichkeit digitaler Verfahren zu diskutieren, sondern sie als real in die Planung gesellschaftlicher und politischer Prozesse einzubeziehen.“ [2]

Unter den Vorzeichen von bildungs- und fachpolitischen Verschiebungen, stellte das Kooperationsprojekt „Creative Coding – Algorithmisches Denken als Teil eines gestalterischen Prozesses“ ein Erprobungsfeld dar, um an den Schnittstellen künstlerischer Herangehensweisen und digitaler Bildpraktiken Unterrichtsmaterialien zu entwickeln, zusammen mit Schüler*innen an Gymnasien durchzuführen und sie zu reflektieren.

Dabei sind drei erprobte Projektvorschläge entstanden:

Das Modul 1 „Song-Cover“ von Dominic Eckinger und Nathalie Bösch geht diesem Umstand nahe an der Lebenswelt der Jugendlichen und exemplarisch am Beispiel des digitalen Musikmarkts nach: Während Streaming-Dienste wie Spotify oder iTunes durch Algorithmisierung unser Hörverhalten steuern und unbekannte Bands trotz globaler Vernetzung kaum größere Reichweite erlangen können, setzt die Open-Source-Kultur andere Impulse. Das Projekt nimmt solche Entwicklungen zum Anlass, um das Format des Plattencovers neu zu denken.
Die mit der Digitalisierung verbreitete Vorstellung einer Entmaterialisierung erscheint in der post-digitalen Perspektive wenig interessant, vielmehr scheinen die vielfältigen Materialisierungen welche mit der Digitalität einhergehen zentral[3].

Hier setzt das Unterrichtsprojekt an: In Modul 2 „Build your Robot“ von Olivia Schwarz und Mirco Leali gestalten Schüler*innen mittels eines Hypertexts einen Bot. Dabei interessiert die Interaktionen mit digitalen Haushaltshilfen, GPS oder als Bots in alltäglichen Zusammenhängen. Aber auch Begegnungen zwischen Digitalität, Kunst und Spiritualität, wie sie aktuell auch in der Kunstpädagogik, etwa in Bezug auf Theorien des Neuen Materialismus, aufgegriffen werden, fanden Einlass in die Entwicklung der Unterrichtsprojekte[4].

Die streng geometrisch angeordneten Pendelbilder der Schweizer Künstlerin und Heilerin Emma Kunz (1892-1963) sind in Modul 3 „Shapes in Orbit“ von Jemma Wolf, Nic Hösli und P.K. der Ausgangspunkt für die Gestaltung einer immersiven Rauminstallation.

Im Folgenden werden die Aufgabenstellungen der drei Unterrichtsprojekte detailliert beschrieben. Als studentisches Schreiben angelegt, wurden die Texte anschließend redaktionell überarbeitet, unterstehen aber der Autor*innenschaft der einzelnen Studierendengruppen. Für ihr Engagement danken möchten wir an dieser Stelle den Studierenden sowie den Lehrpersonen, welche die Kooperation ermöglichten: Matthias Hauser und Adriana Mikolaskova vom MNG Rämibühl, Roland Ruess vom Liceo Artistico und Sabrina Barbieri von der Kantonsschule Uetikon am See.

 

Zürich im Sommer 2022,

Margot Zanni & Andreas Kohli

 

Andreas Kohli ist Dozent im Departement Kulturanalysen und Vermittlung an der ZHdK – Zürcher Hochschule der Künste. Zudem arbeitet er als Designer in seinem Atelier Belleville.ch.

Margot Zanni lehrt und forscht im Studiengang Art Education an der Zürcher Hochschule der Künste. Ihre Schwerpunkte sind Fachgeschichte, Fachdidaktik und materialbezogen Narrative (in) der Kunstpädagogik.

 

 

[1] Dufva, Tomi Slotte (2021): Creative Coding as Compost(ing). In: Tavin, K. et al (Hg.): Post-Digital, Post-Internet Art and Education : the Future Is All-Over. Cham: Palgrave Macmillan, S. 270ff.

[2] Vgl. Webseite zur Weiterentwicklung der gymnasialen Maturität. Transversale Bereiche. Richtlinien zur Digitalität https://matu2023.ch/images/PDF/DE/RLP_Kapitel_II_Transversale_Themen.pdf

[3] Willner, Sabine 2009: Neue Raumstrukturen in Saskia Sassens Globalisierungstheorie: das Konzept der „Global City“. München: Institut für Gesellschaftspolitik an der Hochschule für Philosophie München. https://nbn-resolving.org urn:nbn:de:0168-ssoar-345678, S. 4

[4] Vgl. Klein, Kristin: Kunst und Medienbildung in der digital vernetzten Welt Forschungsperspektiven im Anschluss an den Begriff der Postdigitalität. In: Brenne A. et al (Hg.): Postdigital Landscapes. Zeitschrift Kunst Medien Bildung. URL: http://zkmb.de/wp-content/uploads/2019/10/Postdigital-Landscapes.pdf

Literatur

  • Dufva, Tomi Slotte (2021): Creative Coding as Compost(ing). In: Tavin, K. et al (Hg.): Post-Digital, Post-Internet Art and Education: the Future Is All-Over. Cham: Palgrave Macmillan
  • Golan, Levin (2021): Code as creative medium: a handbook for computational art and design Cambridge, Massachusetts : The MIT Press
  • Klein, Kristin (2019): Kunst und Medienbildung in der digital vernetzten Welt Forschungsperspektiven im Anschluss an den Begriff der Postdigitalität. In: Brenne A. et al (Hg.): Postdigital Landscapes. Zeitschrift Kunst Medien Bildung. URL: http://zkmb.de/wp-content/uploads/2019/10/Postdigital-Landscapes.pdf
  • Willner, Sabine (2009). Neue Raumstrukturen in Saskia Sassens Globalisierungstheorie: das Konzept der "Global City". München: Institut für Gesellschaftspolitik an der Hochschule für Philosophie München. URL https://nbn-resolving.org/ urn:nbn:de:0168-ssoar-345678

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